Rohfaser wird oft unterschätzt. Schade, denn sie bildet die Basis jeder gesunden Pferderation. In dieser Folge erklärt Maartje, was Faser eigentlich ist und was im Verdauungstrakt damit passiert.
Kurze Antwort
Rohfaser besteht aus strukturierten Kohlenhydraten, die ein Pferd mit eigenen Enzymen nicht abbauen kann. Bakterien in Blinddarm und Dickdarm fermentieren sie zu flüchtigen Fettsäuren, einer langsam verfügbaren Energiequelle. Zucker und Stärke sind die zweite Gruppe: Sie baut das Pferd im Dünndarm selbst enzymatisch ab, was schnell verfügbare Energie liefert.
Welche Kohlenhydrate unterscheidet man beim Pferd?
Aus Sicht des Verdauungstrakts lassen sich Kohlenhydrate in zwei Gruppen einteilen.
Gruppe 1 – Kohlenhydrate, die das Pferd selbst verdaut. Dazu zählen Zucker und Stärke. Das Pferd spaltet sie mit Enzymen im Dünndarm auf und nimmt die Bausteine dort auf. Die Folge: schnell verfügbare Energie.
Gruppe 2 – strukturierte Kohlenhydrate. Hierunter fällt die Rohfaser. Das Pferd besitzt keine Enzyme, um sie aufzuspalten. Sie wandert nahezu unverändert weiter in Blinddarm und Dickdarm.
Was passiert mit Rohfaser im Dickdarm?
In Blinddarm und Dickdarm sitzt eine große Bakterienpopulation. Diese Bakterien bauen die Faser durch Fermentation ab. Die Endprodukte kann das Pferd sehr wohl aufnehmen: flüchtige Fettsäuren.
Genau diese flüchtigen Fettsäuren sind der Grund, warum Rohfaser eine Quelle langsam verfügbarer Energie ist. Die Energie wird verteilt freigesetzt statt in einer Spitze. Für ein Pferd, das gleichmäßig arbeiten soll – oder umgekehrt nicht heißer werden darf -, ist genau das erwünscht.
Warum macht dieser Unterschied in der Praxis etwas aus?
Weil er bestimmt, wie dein Pferd auf sein Futter reagiert.
- Eine Ration mit viel Zucker und Stärke erzeugt Spitzen im Blutglukosespiegel und kann manche Pferde heißer machen.
- Eine Ration auf Faserbasis liefert Energie gleichmäßiger und hält die Darmmikrobiota stabiler.
Es geht also nicht nur darum, wie viel Energie du fütterst, sondern auch, welche Art.
Woran erkennst du ein faserreiches Produkt?
Schau auf dem Etikett auf den Rohfasergehalt. Der gibt einen guten Hinweis darauf, wie viel Faser ein Produkt enthält. Als Faustregel gilt: Je höher der Rohfasergehalt, desto faserreicher das Produkt. Produkte mit etwa 20 % Rohfaser oder mehr sind in der Regel eine gute Faserquelle.
Ein Beispiel: Heu liegt je nach Schnitt und Erntezeitpunkt häufig bei 28 bis 34 % Rohfaser, ein klassisches Müsli oder Getreidekraftfutter deutlich darunter. Der Rohfasergehalt sagt dir dabei nichts über die Energie: Luzerne kann faserreich und gleichzeitig nährstoffreich sein. Faser und Energiedichte sind zwei getrennte Fragen.
Vor der Veröffentlichung prüfen: Der Richtwert „28 bis 34 % Rohfaser in Heu” steht nicht im Video und ist ein Praxiswert. Bitte von Maartje bestätigen lassen oder durch die Werte ersetzen, die Hartog selbst verwendet.
Wie viel Faser braucht ein Pferd am Tag?
Als Untergrenze gelten mindestens 1,5 % des Körpergewichts an Trockensubstanz aus Raufutter pro Tag. Bei einem Pferd mit 600 kg sind das 9 kg Trockensubstanz. In der Praxis liegen viele Pferde besser bei rund 2 %.
Wichtig ist dabei nicht nur die Menge, sondern die Verteilung. Faser wirkt über die Zeit: über die Kauzeit, den Speichel und die kontinuierliche Fermentation im Dickdarm. Die gleiche Menge Heu, auf vier statt zwei Fütterungen verteilt, macht für den Verdauungstrakt einen Unterschied.
Und noch etwas: Die Bakterienpopulation im Dickdarm stellt sich auf das ein, was regelmäßig ankommt. Deshalb baust du Futterumstellungen über mindestens zwei Wochen schrittweise auf, statt sie an einem Tag durchzuziehen.
Häufig gestellte Fragen
Was sind strukturierte Kohlenhydrate genau? Strukturierte Kohlenhydrate oder Gerüstkohlenhydrate sind die Kohlenhydrate, aus denen die Zellwand einer Pflanze aufgebaut ist, etwa Zellulose und Hemizellulose. Sie geben der Pflanze Festigkeit und sind für das Pferd nur über bakterielle Fermentation verfügbar.
Was sind flüchtige Fettsäuren beim Pferd? Flüchtige Fettsäuren (Essigsäure, Propionsäure, Buttersäure) sind die Endprodukte der Faserfermentation im Dickdarm. Sie liefern einen erheblichen Teil der täglichen Energie des Pferdes.
Sind Zucker und Stärke schlecht für ein Pferd? Nicht grundsätzlich. Entscheidend sind die Menge je Mahlzeit und die Verteilung über den Tag. Folge 3 geht darauf ein.
Wo steckt die meiste Rohfaser drin? Im Raufutter: Heu, Heulage, Gras, Luzerne, Häcksel und Raufutterpellets. Kraftfutter enthält in der Regel deutlich weniger Faser.
Quellen
- Merck Veterinary Manual – Digestive System of Horses / Nutritional Requirements: https://www.merckvetmanual.com/management-and-nutrition/nutrition-horses/nutritional-requirements-of-horses-and-other-equids
- Dengie – The Equine Digestive System (verständliche Erklärung zu Fermentation und flüchtigen Fettsäuren): https://dengie.com/nutrition-hub/equine-digestive-system/